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Drittmittelfinanzierung in der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit: Wenn der Rechtsstreit zur Strategie wird

27/02/2026
| Ana Parés López de Lemos
Drittmittelfinanzierung in der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit: Wenn der Rechtsstreit zur Strategie wird

Jahrelang wurde die Finanzierung von Rechtsstreiten in der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit als marginale Ressource angesehen und von Unternehmen, die zumindest dem Anschein nach über ausreichende Mittel für die Zahlung der Kosten von Anwälten und Sachverständigen verfügten, mit Argwohn betrachtet. Diese Wahrnehmung hat sich jedoch erheblich gewandelt. Wenngleich in einigen Branchen die Tragweite des Phänomens nur vage verstanden wird, hat sich die Finanzierung durch Fonds als fester Bestandteil komplexer Rechtsstreite etabliert. Heute findet die internationale Schiedsgerichtsbarkeit in einem Umfeld statt, das durch hohe technische Komplexität, globalisierte Risiken und einen zunehmenden Zeit- und Finanzdruck gekennzeichnet ist. Verfahren sind kostspielig und unvorhersehbar, insbesondere wenn sie über Zweckgesellschaften geführt werden oder Kostenverurteilungen ein finanzielles Risiko darstellen - die Drittmittelfinanzierung entspringt somit einem strukturellen Bedarf. Ansprüche werden zunehmend als potenzielle Vermögenswerte im Zusammenhang mit Unternehmensübernahmen und -umstrukturierungen betrachtet. Eine Forderung mit solider Rechtsgrundlage, Belegen und einer reellen Chance auf Vollstreckung kann wie ein Investitionsprojekt bewertet, finanziert und verwaltet werden. Dieser Perspektivenwechsel ist entscheidend: Der Rechtsstreit wird nicht mehr ausschließlich als Kostenfaktor betrachtet, sondern in die Finanzstrategie des Unternehmens integriert, vereinbar mit der Sicherung der Liquidität und der Optimierung der Bilanz.

Zu den wichtigsten Vorteilen der Drittmittelfinanzierung gehört die Möglichkeit der Auslagerung des wirtschaftlichen Risikos des Verfahrens und die Führung hochkomplexer Schiedsverfahren, ohne den Cashflow zu beeinträchtigen. Hinzu kommt ein weniger sichtbarer, aber dennoch relevanter Effekt: die vorherige Prüfung durch den Prozessfinanzierer, die bereits in frühen Phasen für Rechts-, Finanzierungs- und Beweisdisziplin sorgt und in der Regel den Fall kohärenter und solider macht. Allerdings ist die Finanzierung nicht frei von Spannungen. Mit dem Prozessfinanzierer kommt ein neuer Akteur ins Spiel, was eine klare Abstimmung der Erwartungshaltungen sowie eine sorgfältige Steuerung der Beziehung erforderlich macht, insbesondere in entscheidenden Momenten wie der Verhandlung von Einigungen oder strategischen Anpassungen des Verfahrens. 

Der Markt für Drittfinanzierungen zeigt Anzeichen von Reife. Prozessfinanzierer sind heute selektiver: Ein plausibler Anspruch allein reicht nicht mehr aus, sondern es werden eine konsistente Beweisführung, realistische Quantifizierungsszenarien und eine klare Umsetzungsstrategie verlangt. Die Finanzierung wird immer früher in den Konfliktzyklus integriert, sogar in vorgerichtlichen Phasen. Ferner gibt es gegenüber der klassischen Vollfinanzierung zunehmend flexiblere Modelle wie die Teilfinanzierung oder die Portfolio-Finanzierung. Dies zeigt, dass die Drittmittelfinanzierung heute ein anpassungsfähiges, nicht standardisiertes Instrument ist.

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